Jedes […] verursachte Geräusch, das über ein ganz leises Flüstern hinausging, wurde […] registriert. Außerdem konnte […] nicht nur gehört, sondern auch gesehen werden. Es bestand natürlich keine Möglichkeit festzustellen, ob man in einem gegebenen Augenblick gerade überwacht wurde. […] Es war sogar möglich, dass jeder einzelne ständig überwacht wurde. […] Man musste in der Annahme leben - und man stellte sich tatsächlich instinktiv darauf ein -, dass jedes Geräusch, das man machte, abgehört und, außer in der Dunkelheit, jede Bewegung beobachtet wurde.
(George Orwell 1984)
Was 1948 -- im Erscheinungsjahr von George Orwells Roman 1984 -- noch wie eine furchterregende Zukunftsvision klingt, ist heute schon fast Realität. Es ist kaum noch möglich, seinen Alltag abzuwickeln, ohne dabei beobachtet zu werden. Auf den meisten öffentlichen Plätzen, in Supermärkten, auf dem Bahnhof, in Bussen oder Fahrstühlen hängen Kameras und beobachten uns und unser Handeln. In vielen Innenstädten ist die Videoüberwachung nahezu flächendeckend, beispielsweise in London betreiben allein Polizei und andere Behörden über 10 000 Überwachungskameras, dazu kommen zusätzlich noch viele private Kameras.
Doch die permanente Überwachung besteht nicht nur aus Videoaufnahmen. Der Trend geht auch zur groß angelegten Datenspeicherung. Seit Anfang 2008 wird von jeder Bürgerin und jedem Bürger in der EU ganz genau protokolliert, mit wem er wie lange telefoniert, mit wem er SMS schreibt und wo er sich bei seinen Handy-Telefonaten aufhält. Und diese Totalprotokollierung ist für jeden Telekommunikationsanbieter Pflicht, der Gesetzgeber will es so.
WISSEN IST MACHT
Doch auch wenn es nicht per Gesetz verordnet wurde, protokollieren die Unternehmen gerne mit -- sie interessieren sich für unser Konsumverhalten. Mit ihren vielen Treue-, Bonus- und Kundenkarten wird ganz genau aufgezeichnet, wann wir wo was einkaufen und wie wir das bezahlen. Diese Informationen speichern und nutzen sie, um uns noch aufdringlicher und direkter zu umwerben.
Diese ganzen Daten, die von uns gesammelt und dann auf Vorrat gespeichert werden, verraten in ihrer Gesamtheit sehr viel über uns: Die regelmäßige Fahrt mit dem Bus zum Dialyse-Zentrum, das Einkaufen von speziellen Lebensmittel für Diabetiker, die regelmäßigen Anrufe bei der Telefonseelsorge und das Einkaufen im Eine-Welt-Laden -- das alles sind Informationen, die nicht unbedingt hoch brisant sind. Doch der Einzelne hat nicht mehr die Kontrolle darüber, wer davon weiß und wer nicht. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung -- also die Entscheidung, wer was über mich weiß -- wird immer mehr ausgehöhlt.
Es ist nie sicher, wer Zugang zu diesen Informationen erhält. Selbst das beste Sicherheitssystem kann geknackt werden. Und mit diesen oft sensiblen Daten kann über Menschen Kontrolle ausgeübt werden, denn: Wissen ist Macht.